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Hos geldiniz avrupada - Welcome to Europe

Nüchtern und bescheiden stehen diese Zeilen auf einem gelben Schild am Rand der Autobahn, sobald sie nach Überquerung des Bosporus Europäischen Boden erreicht. Für die anderen Passagiere im Bus schien das ohne viel Bedeutung zu sein, womit sie gewissermassen auch recht haben. Mir selbst aus Old Europe mag man eine gewisse Berührtheit jedoch angesehen haben. So, ich war also wieder in Europa. Aber wie war ich von dort weggekommen?
Ok, wer schon mehr meiner Reiseberichte gelesen hat, kann die paar Worte überspringen. Für die anderen: natürlich nicht mit dem Flugzeug. Ich hatte es nicht eilig, wieder nach hause zu kommen, und so liess ich mir für die Reise soviel Zeit, dass mir das Ziel nicht wie eine Faust ins Gesicht geschlagen wurde, sondern mir ganz langsam entgegenkam.
Los ging es sehr früh morgens von meinem kleinen Bahnhof Freiburg-St.Georgen über Basel, den Lötschberg, Brig, durch den Simplon nach Mailand und weiter nach Ancona, wo ich am Nachmittag eintraf.
Die_Reiseroute
Die Reiseroute, zu sehen gegen den Uhrzeigersinn
Bahnhof_Ancona
Ancona, Ankunft am Bahnhof

Den zu Fuss machbaren Weg zum Hafen hinter mich gebracht und das Gepäck zur Aufbewahrung gegeben, hatte ich jede Menge Zeit, mich in das Treiben dieser hübschen Stadt am Samstagabend vor Ostern zu stürzen. Und später, während die Schiffe nach Griechenland und Albanien ablegten, konnte ich mir in Ruhe noch ein schönes italienisches Abendmenu gönnen und ihnen dabei vom Panorama-Restaurant des Hafengebäudes aus zusehen. Mein Schiff war als eines der letzten heute abend an der Reihe.
Meine Heimat für die nächsten drei Nächte sollte die "Cesme" der Marmara-Lines werden.
Dieses Schiff verbindet - ausser im Winter - jede Woche ein bis zweimal Italien mit der Türkei. Es ist nicht allzu gross, bietet aber dennoch jeden nötigen Komfort. Gebaut in den 70er-Jahren für eine Skandinavische Reederei scheint es erst in allerjüngster Zeit generalüberholt und renoviert worden zu sein. Jedenfalls bot es jeden Anlass zur Zufriedenheit mit der Passage: alles blitz-sauber, sehr gute Küche im a-la-carte-Restaurant, akzeptable Preise, Pünktlichkeit, ein gutes Unterhaltungsprogramm und vor allem: das wirklich freundlichste und netteste Personal, das ich je auf einem Linienschiff erlebt habe. Na ja, für den recht heftigen Seegang in der zweiten Nacht will ich die Reederei nicht verantwortlich machen...
Die_Cesme
Das Schiff Cesme der Marmara Lines
Schon vor der Abfahrt aus Europa war der Orient gegenwärtig: Neben einigen Europäern waren viele der Passagiere Türken und Kurden aus Westeuropa auf dem Weg zu Verwandtenbesuchen. Auch Libanesen und Syrer waren an Bord und - wie zum Beispiel der Bauingenieur aus Darmstadt - nicht wenige irakische Kurden auf dem endgültigen Heimweg zurück in ihr Land, von dem und für das sie sich jetzt eine bessere Zukunft erhoffen. Weltpolitik einmal nicht von der Tagesschau, und mit der Gelegenheit, den Menschen selbst viel Glück zu wünschen.
Nach drei Nächten und zwei Tagen gemütlicher Schiffsreise durch die Adria und das Ägäische Meer, vorbei am Peloponees und vielen kleinen Inseln erreichten wir Cesme. Von dort fuhr ich gleich mit dem Bus in die eine Autobahn-Stunde entfernte Millionen-Metropole Izmir. Ein paar Eindrücke von dort:

Uferpromenade_Izmir
Bahnhof_Izmir_Basmane

Bahnhof_Izmir_Alsancak
Izmir
Izmir

Die Stadt kommt in den meisten Reiseführern recht schlecht weg - bei mir nicht. Trotzdem zog es mich nach zweit Tagen wieder Richtung "unterwegs": per Zug nach Eskisehir, einer Stadt auf halber Strecke zwischen Istanbul und Ankara. Dorthin wollte ich an sich nur, um dann mit dem Zug weiter nach Istanbul zu fahren - was normalerweise schon mehr als doppelt so lange dauert wie die Busfahrt. Aaaber...

Barwagen_Izmir_Eskisehir

Zwei Lok-Schäden auf einer Fahrt drohten die Fahrtzeit endlos werden zu lassen, vom üblichen ewig-langen Warten auf Gegenzüge zu schweigen. Das kann einen bestimmt auch aufregen.
Wer es völlig eilig hat und für wen Pünktlichkeit auch im Urlaub alles ist, sollte vielleicht nicht mit dem Zug durch die Türkei fahren. Wem es aber gelingt, die Zeit eben da zu geniessen, wo er gerade ist, der sollte es vielleicht mal tun. Er kann im Barwagen des Zuges viele interessante Gespräche führen, Tee spendieren oder dazu eingeladen werden, die langsam vorbeiziehende Landschaft betrachten, und viele kleine Freundschaften schliessen. Ich selbst empfand es als schade, dass nach 14 Stunden diese Fahrt schon zuende war, und am Bahnsteig viele Hände zum Abschied geschüttelt werden mussten. Hier noch ein paar Bilder von dieser Strecke:

Dursunbey_Hier_Dursunbey
Ähm_Hier_Äääää

Auch_DADA_hat_eine_Bahnstation
Hoffentlich_springt_die_Lok_an
Nicht_der_einzige_Ausweg

Von Eskisehir selbst habe ich kaum etwas mitbekommen. Bei meiner Ankunft war es schon dunkel. Bei der Bahnhofs-Information erfuhr ich, warum habe ich nicht verstanden, dass am nächsten Tag kein Zug nach Istanbul fahren würde. Ok, kleines Hotel am Bahnhof, nettes Abendessen irgendwo, und dann halt eben weiter mit dem Bus nach Istanbul.

Busbahnhof_Eskisehir
Busbahnhof_Eskisehir

Während die Eisenbahn in der Türkei ein eher beschauliches Nischen-Dasein führt, ist der Fernbus das üblichere Verkehrsmittel. Hoch komfortable und moderne Busse verbinden mit sehr dichten Fahrplänen jeden Winkel des Landes mit jedem anderen. Die Busbahnhöfe sind Verkehrsdrehscheiben ersten Ranges.

Zu Istanbul fehlen mir die Worte, die diese Stadt beschreiben könnten. Ok, mit den paar Bildern mache ich wenigstens einen kläglichen Versuch und beschränke mich dabei auf verkehrliche Dinge. Das Beste wäre, mal selbst zu schauen...

Bahnhof_Sirkeci
Bahnhof_Sirkeci
Bahnhof_Sirkeci
Einmal täglich nach Sofia, Bukarest und Budapest. Und eine Menge Vorort-Züge: Der europäische Bahnhof Istanbul Sirkeci

Bahnhof_Haydarpasa
Bahnhof_Haydarpasa
Jeden Donnerstag nach Damaskus, Samstags nach Teheran, dazu viel Vorort und einiges ins übrige Land: der asiatische Bahnhof Istanbul Haydarpasa

Nun, es war beileibe nicht das erste Mal (und wohl kaum das letzte Mal), dass mich diese Stadt zum Gast hatte. So konnte ich mich nach ein paar Tagen auch losreissen, um die grosse Heimreise über den Balkan anzutreten. Auch sie war ja einer der Gründe, weshalb ich überhaupt losgefahren war.
Als Auftakt dazu gönnte ich mir ein herrliches Abendessen im Restaurant "Orient Express" im europäischen Bahnhof. Einen üppiger Vorspeisenteller, gefolgt von einer mir bis dahin unbekannten Zubereitungsart von Lamm und dazu einen vorzüglichen türkischen Rotwein, dessen Name ich mir nicht merkte - weil er bei uns wohl ohnehin nie zu haben wäre. Das Dessert wurde gerade gereicht, als am Bahnsteig draussen mein Zug bereitgestellt wurde.
Die_Reiseroute
Kellner im "Orient Express" Istanbul Sirkeci


Ich hatte mir für die Heimfahrt vorgenommen, die alte Route des Istanbul-Express zu nehmen, wie er sie bis zum Ausbruchs der Balkan-Kriege nahm: von Istanbul über Edirne, Plovdiv, Sofia, Nis, Belgrad, Zagreb, Ljubljana und Salzburg nach München. Reservierungen hatte ich wegen der technischen Unmöglichkeit und wegen meiner ungewissen Rückkehrzeit keine von zuhause mitgebracht - was aber bis nach Salzburg kein Problem sein sollte.
Nur: dass das Europa-Kursbuch einen Direktzug Istanbul-Belgrad aufführte, den es aber gar nicht gab, hätte ein Problem werden können, weil dieser Umstand meine Heimreise um glatt 12 Stunden verlängerte. Gut, dass ich genügend Spielraum hatte.
Plovdiv
Frühstück vor dem Schlafzimmer
Belovo
Auch begrabene Hunde gibts hier
Karawanken
Steht hier nur, weil auch Hochformat
Ich reiste bis Sofia im Schlafwagen-Einzelabteil. Der Wagen war in Plovdiv endlos lang abgestellt, was mir Gelegenheit zu einem kleinen bulgarischen Frühstück verschaffte. Durch den Fehler im Kursbuch bot sich eine weitere sonst wohl kaum genutzte Gelegenheit: ein mehrstündiger Bummel und ein Abendessen in Sofia, bevor es wieder mit dem Schlafwagen nach Belgrad weiter ging.

Bahnhof_Sofia
Der Bahnhof von Sofia
Unterwegs
Wohin fährt dieser Zug?

Bahnhof_Ljubljana
Zwischenstopp in Slowenien
Bahnhof_Salzburg
Restaurant im Bahnhof Salzburg

Im direkt anschliessenden Eurocity gab es einen Speisewagen, der mich auf seinem Weg bis zur österreichischen Grenze als häufigen Gast hatte. Das Wetter draussen war fürchterlich, und die Landschaft war mir von früher als weitgehend uninteressant in Erinnerung. Erst nach Zagreb hellte es sich auf, und es schloss sich eine phantastische Fahrt über die Alpen an.
In Salzburg angekommen besuchte ich das Bahnhofsrestaurant, dessen Ambiente mich ein wenig an das Istanbuler Gegenstück erinnerte. Aber nur ein klein wenig. Und Salzburg ist eben überhaupt nicht Istanbul...
Ich hatte dort ein paar Stunden zu verbringen, bevor ich für meine dritte und letzte Nacht, von Salzburg bis Karlsruhe, den Zug nehmen konnte, dessen Name eine grosse Reisekultur umschreibt. Eine Reisekultur, die noch nicht untergegangen ist - wenn man sich auf sie einlassen möchte.

Orient_Express

Text und Bilder: Siegfried Klausmann

 
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